Die Tenure-Track-Professur in Deutschland: Erste Erfahrungen - Ein Interview mit Prof. Dr. Bendig

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Prof. Dr. Bendig©Bendig

Lieber Herr Professor Bendig, Sie sind jetzt seit rund 6 Monaten Tenure-Track-Professor an der Universität Magdeburg. Vorneweg: Wie waren Ihre ersten Monate als Professor?

Die ersten Monate in Magdeburg waren spannend. Der Aufbau einer neuen Professur und der Wechsel an einen neuen Hochschulstandort sind natürlich Herausforderungen. Hierbei waren das Mentoring der Fakultät, der Input der Studierenden und die Rückendeckung der Hochschulleitung sehr hilfreich. Die Begrüßung durch das Magdeburger Kollegium und den Fachschaftsrat der Studierenden war sehr herzlich und mir wird auf Augenhöhe begegnet. Diese Atmosphäre hilft sehr, neue Aufgaben immer wieder mit Vorfreude anzugehen.

Sie waren im Laufe Ihrer beruflichen Karriere als Wissenschaftler und Unternehmensberater u. a. an der Tsinghua University in Peking, an der Baylor University Texas in Waco und bei der The Boston Consulting Group in Hongkong tätig. Inwiefern war der Karriereweg der Tenure-Track-Professur für Sie ausschlaggebend, um für Ihre weitere wissenschaftliche Karriere nach Deutschland zurückzukehren?

Der internationale Arbeitsmarkt für Forschende ist flexibler als der Markt in Deutschland. Hier ist das Tenure-Track-System ein wichtiger Baustein, um kompetitiver zu werden und Talente früh in Deutschland halten zu können. Für mich war dieses System auch ein wichtiger Faktor. Darüber hinaus ist die soziale Komponente nicht zu unterschätzen. In Deutschland begegnen mir viele Studierende aus Nicht-Akademiker-Haushalten, so wie ich auch einer war. Hier ist bereits viel erreicht worden, wo wir anderen Ländern voraus sind. Auf Professorenebene ist dieses Profil dagegen seltener. Für Forschende aus Nicht-Akademiker-Haushalten ist wirtschaftliche Sicherheit wichtig, weshalb der Tenure-Track einen wichtigen Beitrag zu sozialen Aufstiegsmöglichkeiten leistet.

Das Tenure-Track-Programm zielt auf junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in der frühen Karrierephase ab. Es ist sicher herausfordernd, aber auch bereichernd, zu einem vergleichsweise frühen Zeitpunkt die Aufgaben einer Professorin oder eines Professors in Forschung und Lehre selbstständig wahrzunehmen. Welche Unterstützungsinstrumente gibt es an Ihrer Universität, sie auf dem Karriereweg der Tenure-Track-Professur zu begleiten? Und nehmen Sie diese in Anspruch?

Der Rektor der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg, Professor Strackeljan, hat sich von Anfang an Zeit für persönliche Gespräche genommen und gibt immer wieder hilfreichen Input in persönlichen Diskussionen. Dazu werden noch regelmäßig Salongespräche seitens des Rektorates organisiert, in denen sich befristete Professorinnen und Professoren untereinander vernetzen können und mit dem Rektorat Möglichkeiten zur Schaffung attraktiver Arbeitsbedingungen und nachhaltiger Karrierewege besprechen können. Die Unterstützung an der Fakultät für Wirtschaftswissenschaft ist ebenfalls umfangreich. Jede Professorin und jeder Professor der Fakultät hat sich schon in meinem ersten Semester Zeit für mindestens ein gemeinsames Gespräch genommen. Der Support geht weit über die Planung der Forschung und Lehre hinaus und umfasst sogar Hilfe bei der Wohnungssuche oder der Jobsuche für meine Frau. Mit der Fakultätsleitung sind auch regelmäßige Review-Gespräche geplant, welche mir helfen, meinen Fortschritt im Tenure-Track-Verfahren zu diskutieren und meine Herausforderungen zur Sprache zu bringen. Man merkt, dass die Universität Magdeburg hinter dem Programm steht und das ist sehr motivierend.

Sie haben das Berufungsverfahren an Ihrer Universität bereits erfolgreich durchlaufen. Gibt es nach Ihrer Einschätzung Besonderheiten, die bei der Bewerbung auf eine Tenure-Track-Professur zu beachten sind?

Es gelten selbstverständlich die Mindestanforderungen, wie in Berufungsverfahren allgemein. Darüber hinaus spielt die Entwicklungsperspektive eine Rolle. Es wird verlangt, eine Strategie für die Professur zu haben und diese in Meilensteine für die Tenure-Track-Phase gießen zu können. Diese Meilensteine sollten auch realistisch geschätzt sein, damit sie erfüllbar sind und dem Entwicklungsgedanken des Programms gerecht werden. Meine Erfahrungen sind hier natürlich auch auf mein Verfahren begrenzt.

Was würden Sie einer jungen Wissenschaftlerin oder einem jungen Wissenschaftler raten, die bzw. der sich derzeit überlegt, auf eine Tenure-Track-Professur in Deutschland zu bewerben? Haben Sie konkrete Tipps?

Generell kann ich das System empfehlen und damit junge Forschende nur ermutigen, sich zu bewerben. Wir nähern uns mit dieser wichtigen Initiative den internationalen Standards an und damit wird der Wissenschaftsstandort Deutschland attraktiver. Das ist insbesondere für den wissenschaftlichen Nachwuchs wichtig, da man früher weiß, ob es eine langfristige Perspektive an der Hochschule gibt. Ein wichtiger Punkt sind aber die Tenure-Track-Kriterien. Im Austausch mit anderen Tenure-Track-Kolleginnen und -Kollegen fällt auf, dass diese erheblich zwischen den Fakultäten und Hochschulen variieren. Einerseits ist das zu begrüßen, weil diese Kriterien natürlich Fach- und Standort-gerecht sein müssen. Andererseits sehe ich bei der neutralen Messbarkeit noch Entwicklungspotenzial. Für mich war es wichtig, dass die Tenure-Track-Kriterien bezüglich Anzahl an Publikationen, Lehrevaluationen, Drittmittelanstrengungen oder auch Engagement in der akademischen Selbstverwaltung konkret und objektiv sind. Diese Anforderungen würde ich im Bewerbungsverfahren erfragen und in die eigene Entscheidung bezüglich der Attraktivität einer Stelle einfließen lassen. Auch der Internetauftritt der Universität hilft, den Stellenwert des Tenure-Tracks in der Personalstrategie einschätzen zu können. Ich würde prüfen, ob es Informationen zum Mentoring, zu Ansprechpartnern und zur Evaluation offen verfügbar gibt.